Tiergestützte Aktivitäten
Tier im "Alltag" - welche Bedeutung haben
sie für uns?
Tiere im "Alltag" eines Therapeuten
Tiere in der Therapie
Die Delta Society
Biophilie
Zu Seite 2
Tier im "Alltag" - welche Bedeutung haben sie für uns?
Die meisten Menschen können sich Tiere aus ihrem Alltag nicht wegdenken.
Tiere begleiten den Menschen, seit dem es ihn gibt. Tiere machen Arbeit, Dreck
und Sorgen, kosten Geld, schränken die Freizeit ein - und dennoch wächst
ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Wenn wir hier von Tieren sprechen, meinen wir
vorrangig Haustiere oder Tiere im Freizeitbereich. Und wenn wir Menschen mit
Tieren fragen, warum sie die Tiere halten, bekommen wir die unterschiedlichsten
Antworten. Alle jedoch betonen die positiven Seiten. Viele Menschen wären
ohne ihre Tiere sehr einsam, viele würden das Haus nicht verlassen, vielen
würde ein Zuhörer fehlen, viele würden keine Wärme mehr
spüren. Kinder möchten gerne mit den Tieren kuscheln oder ihnen
Geheimnisse anvertrauen oder ihnen ihren Kummer erzählen. Tiere sind
Handlanger, Freizeitpartner, Tröster, Lebensretter, Motivierer, Partner,
Kinder, Helfer in der Not. Tiere bereichern unser Leben, machen es bunter
und lebenswerter.
"Der junge Mensch braucht seinesgleichen - nämlich Tiere, überhaupt
Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsche, Spielraum. Man kann Ihn auch ohne
das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder auch auf asphaltierten
Straßen und Höfen. Er überlebt es, doch man soll sich dann
nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr
erlernt." (Alexander Mitscherlich)
Tiere im "Alltag" eines Therapeuten
Bevor ich mit meiner Familie nach Nordvorpommern gezogen bin, habe ich in
Berlin als Familientherapeutin mit "Multiproblemfamilien" gearbeitet.
Jedes Mal, wenn ich eine neue Familie kennenlernte, war ich gespannt darauf,
ob in dieser Familie ein Haustier lebte. In den meisten Familien, mit denen
ich arbeitete, gab es Haustiere, die häufig während der Gespräche
eine ganz wichtige Rolle übernahmen: nämlich die eines Helfers und
Vermittlers in der oft schwierigen Anfangsphase einer Therapie oder in Situationen,
wo den Klienten oder auch der Therapeutin das Sprechen über ein Thema
nicht so leicht war. Es gab Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Hasen, Vögel.
Besonders Hunde und Katzen, die selbständig in der Wohnung herumlaufen
konnten, kamen während der Gespräche häufig zu uns, wurden
gestreichelt und dienten als "Icebreaker", wenn man sich noch fremd
war oder das Gespräch stockte. Über die Tiere konnten wir uns immer
unterhalten.
Tiere in der Therapie
Erst seit den 60er Jahren werden die Einsätze von Tieren in der Therapie
dokumentiert. Dabei gilt der amerikanische Psychologe Boris Levinson als der
Pionier im Einsatz von Tieren als Therapeuten. Es gibt darüber ein kleine
Geschichte: In seine Praxis kam eine Familie mit ihrem verhaltensauffälligen
Sohn. An diesem Tag hatte der Arzt seinen Golden Retriever Jingles mitgebracht.
Das zurückhaltende Kind ging spontan auf den Hund zu und sprach mit ihm.
Der Psychologe beobachtete die Begegnung und fand heraus, dass Jingles eine
Art Katalysator-Funktion übernommen hatte: Der Hund ermöglichte
dem Kind die Kommunikation mit anderen Menschen. Dieses Muster erkannte Levinson,
der danach seinen Hund auch bei anderen Patienten einsetzte. Damit war der
Grundstein für die wissenschaftliche Erforschung des Themas gelegt.
In der Literatur findet man noch viele Hinweise auf die heilende Wirkung von Tieren weit vor diesem Datum. Ein Beispiel dafür: Schon im 8. Jahrhundert wurden Tiere mit therapeutischem Effekt im belgischen Gheel eingesetzt. Damals bekamen Menschen mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen Nutztiere zur Verfügung gestellt. Überlieferungen zufolge verbesserte sich dadurch nicht nur die ökonomische Grundlage, sondern auch die Lebenszufriedenheit.
Im 18. Jahrhundert gründete der Quäker William Tuke in England eine Einrichtung für psychisch kranke Menschen, in der die Möglichkeit bestand, Tiere zu halten. Ein Modell, das sich bis heute bewährt hat. In Deutschland war es das Behandlungszentrum für Epileptiker im Bielefelder Stadtteil Bethel, das erstmals Tiere in die Therapie mit einbezog. Hier lebten in den achtziger Jahren rund 5000 Patienten zusammen mit Hunden, Katzen und Vögeln. Damals wie heute gehört außerdem das therapeutische Reiten zum Angebot.
Die Delta Society
Seit 1977 gibt es die Delta Society in den USA. Sie ist inzwischen die
weltweit größte Organisation, die sich mit tiergest. Therapie,
tiergest. Aktivität, Ausbildung von Tieren und Tierführern und mit
der heilenden Kraft von Tieren in der Mensch-Tier-Beziehung auseinandersetzt.
Die dort gewonnenen Daten werden wissenschaftlich untermauert und veröffentlicht.
Die D.S. hat auch die Einsatzmöglichkeiten der Tiere in Kategorien unterteilt
und dafür Richtlinien entwickelt.
1. Animal Assisted Activities (AAA)
Bei dieser Art von Aktivitäten soll die Lebensqualität, zum Beispiel
mit Hilfe von Besucherprogrammen mit Tieren, in (Altenpflege-)Heimen verbessert
werden.
2. Animal Assisted Therapy (AAT)
Hier handelt es sich um den zielorientierten Einsatz von Tieren durch Ärzte,
Pflegepersonal, Physio- oder Sprachtherapeuten. Der Einsatz der Tiere als
Co-Therapeuten wird dokumentiert.
3. Service-Tiere wie Blindenführhunde, Behindertenbegleithunde und Gehörlosenhunde.
Zu den Hauptaufgaben der Delta Society zählen Ausbildungsprogramme für
Besuchsdienste und Informationsvermittlung. Unter anderem bietet Delta einen
Ratgeber und ein Informationsvideo zu Besuchsprogrammen sowie Richtlinien
zur Ausbildung von Besuchsdiensthunden an. Zurzeit arbeitet der Verein an
einem kompletten Trainingsprogramm für Service-Hunde. Da man davon ausgeht,
dass im Jahr 2010 mehr als 600.000 Begleithunde und 14.000 Hundetrainer in
den USA benötigt werden, versucht die Delta Society, Standards für
Hundetrainer festzusetzen.
In Deutschland hat sich der Verein "Tiere helfen Menschen" (www.thmev.de)
zur Aufgabe gemacht, kranken, behinderten und benachteiligten Menschen durch
die Therapie mit Tieren zu helfen. Der Verein besteht seit ca. 10 Jahren und
hat mehrere Tausend Mitglieder. Er bietet Besuchsprogramme in Altenpflegeheimen
sowie Unterstützung und Beratung bei der Haltung von "Heimtieren"
an. Außerdem ist er im physio- und psychotherapeutischen Bereich tätig.
Biophilie
Der eigentliche Grund, warum Tiere als Therapeuten eingesetzt werden können,
ist wissenschaftlich noch nicht im Detail erforscht. Es gibt aber unterschiedliche
Erklärungsansätze. Eine davon ist die Biophilie-These: Darunter
versteht man eine physische, emotionale und kognitive Hinwendung des Menschen
zum Leben und zur Natur.
Der Psychologe Erich Fromm bezeichnete die Biophilie als die leidenschaftliche
Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen.
Im Menschen besteht ein tiefes Bedürfnis nach der Verbindung zur Vielfalt
des Lebens. (Stefen R. Kellert).
Das Miteinander mit Tieren ist Ausdruck unserer Sehnsucht nach der Natur und
ein Kompensieren für etwas, was wir verzweifelt vermissen. (Paul Shepart).
Er meint das archaische Zusammensein mit den Tieren in einer Zeit, wo wir
tiefen Respekt vor ihnen hatten. Menschen haben sich im Laufe der Evolution
stets zusammen mit anderen Lebewesen entwickelt. Auf diesem Weg ist das starke
Bedürfnis entstanden, mit anderen Formen des Lebens in Verbindung zu
sein. Diese These erhellt möglicherweise die besondere Beziehung zwischen
Mensch und Tier, ist aber noch zu ungenau, um ein Therapiekonzept zu entwickeln
und zu begründen.